Psychotherapie für Senioren

Möglichkeiten der Psychotherapie sinnvoll nutzen, auch im Alter

Als die Psychotherapie sich vor zwanzig, dreißig Jahren in die Behandlung psychischer Erkrankungen wie der Depression oder der Zwangsstörungen zunehmend und auf breiter Basis einbinden ließ, galt noch die Grundregel, dass diese Therapieverfahren vor allem (und fast ausschließlich) jüngeren Menschen und auch nur Menschen mit sehr hohem Bildungsniveau helfen könne, mit ihren Erkrankungen und Problemen Linderung zu erfahren.
Vor allem sehr zeitaufwendige Techniken wie die jahrelang andauernde Psychoanalyse oder die tiefenpsychologische Gesprächstherapie kamen dabei zum Einsatz und wurden vielfach als Modeerscheinung abgetan und belächelt.

Entwicklungen und Fortschritte im Bereich der Psychotherapie
Die Psychotherapie, also die "Behandlung der Seele und des Bewusstseins" des Menschen, hat sich rasant weiter entwickelt; denn die Erfolge waren beachtlich und der Bedarf ist heute groß.
Es etablierten sich neben dem Bereich der Analyse und der Gesprächstherapie mit dem (salopp formulierten) Schwerpunkt "Ursachenforschung in der früheren Kindheit" Therapietechniken und -methoden der Verhaltenstherapie und Gestalttherapie, die mehr den Blick darauf lenkten, was einem Menschen jetzt und fortan helfen könne, mit bestimmten Umständen, seinem persönlichen Leidensdruck oder seinen Einschränkungen in der Zukunft besser und erfolgreicher zu leben.
Auch die Traumaforschung und Traumatherapie sind als weiterer Teil der Psychotherapie inzwischen einem großen Teil der Bevölkerung ein Begriff, nicht zuletzt durch die verstärkte Offenheit innerhalb der Bundeswehr, die dieses Thema seit 2009 in der Presse vermehrt diskutiert hat.
Inzwischen ist die Psychotherapie soweit anerkannt, dass die meisten Krankenkassen und private Versicherungen die Therapiekosten in vollem Umfang übernehmen.

Psychotherapie ist auch für Senioren sinnvoll!

All diesen in den letzten Jahrzehnten vermehrt benutzen Techniken ist gemein, dass sie längst unabhängig vom Lebensalter und Schulabschluss eingesetzt werden und damit einer wesentlich größeren Zahl von Menschen auch in höherem Lebensalter zugutekommen können.
Während vor 20 bis 30 Jahren noch pauschal angenommen wurde, dass ein Mensch im Alter über 60 grundsätzlich nicht von einer Psychotherapie profitieren könne, weil das menschliche Gehirn in diesem Alter "schon so stark abbaue", dass keine Verbesserungen und Veränderungen mehr zu erwarten seien, haben neuere Untersuchungen zweifelsfrei ergeben, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter veränderungsfähig und lernfähig bleibt.
Nutzen Sie daher die Möglichkeiten, die Ihnen geboten werden und bekämpfen Sie Altersdepressionen und andere seelische Leiden!

Wie funktioniert Psychotherapie?

Sie fragen sich vermutlich wie das funktionieren soll?
Das bedarf einer grundsätzlichen Erklärung über die Funktionsweise unseres Gehirns, die natürlich nur sehr vereinfacht und in Bildern versuchen kann, bestimmte Abläufe darzustellen:

Wir werden bereits früh im Leben aber auch fortlaufend durch Lernen, Erlebnisse und einschneidende Ereignisse geprägt. Über ihre feinen Ausläufer kommunizieren unsere Hirnzellen in den unterschiedlichen Arealen des Gehirns miteinander und bilden so etwas wie Datenbahnen. Dabei werden häufig genutzte Bahnen gerne und leicht benutzt und selten benutze Bahnen eben auch weniger benutzt. Ständig vergleicht unser Gehirn nun bei allem, was geschieht, ob uns diese Situation / dieser Ablauf vertraut ist oder nicht. Wenn er vertraut ist, rastet sozusagen die Datenverarbeitung in die bekannten Bahnen ein und unsere Reaktionen auf das Erlebte ähneln den Reaktionen, die wir auch schon früher gezeigt haben.

Dabei sind nur etwa 15% der Datenverarbeitung und der nachfolgenden Reaktionen unserem Bewusstsein überhaupt zugänglich - 85% laufen unbewusst ab, sind damit nicht steuerbar und laufen rasant schnell ab. Zudem nehmen all unsere Sinnesorgane ständig die äußeren Eindrücke auf und geben damit weiteres "Futter" für den Ablauf einer Reaktion.

Vorgehensweise des Psychotherapeuten

Typischer Ablauf einer Therapie

Der Versuch eines kleinen und sehr groben Beispiels für diese komplizierten Abläufe, um vielleicht ein wenig zu verdeutlichen, was diese Datenbahnen bewirken und wie unser Gehirn arbeitet:
Wenn ein Baby früh im Leben mit einer Fertignahrung gefüttert wird, die als Aroma den Duft von Vanille enthält und wenn die Situation des Fütterns immer wieder so richtig gemütlich und kuschelig ist, wird dieses kleine Kind den Geruch von Vanille als "angenehm, beruhigend und schön" speichern und fortan auch noch als erwachsener Mensch Vanille unbewusst mit "angenehm" assoziieren.

Damit werden unter Anwesenheit des Duftes nach Vanille Gehirnbahnen benutzt werden, die eher beruhigende, angenehme und positive Auswirkungen haben. Diese Prägung wird also diesem Menschen in seinem Leben vermutlich kaum schaden und erklären, warum er auch als Erwachsener noch so gerne Vanillekipferl isst und seinen Roiboos Tee immer mit Vanillearoma einkauft und dabei freundlich lächelt, was aber, wenn in diesem Beispiel des kleinen Babys mit der Flasche die Stimmung beim Füttern immer sehr angespannt war und das Baby vielleicht abgelehnt wurde?

Auslöser erkennen
Dann wird eine Datenbahn im Gehirn geknüpft, die den Duft von Vanille mit Angst, Verunsicherung und Ablehnung verknüpft und dann wird der Duft nach Vanille auch im Erwachsenenalter keine angenehmen und positiven Erinnerungen wecken.
Da gerade die Erfahrungen in der frühen Kindheit nicht als bewusste Informationen in Worten gespeichert sind, wird nun kaum ein erwachsener Mensch realisieren, dass der Duft Vanille mit unangenehmen Erinnerungen aus der frühen Kindheit gekoppelt ist. Aber er wird unter Umständen, nur weil es im Nebenraum dezent nach einer Vanillekerze duftet, auf der Arbeit sehr ungehalten reagieren, seine Kollegen unsachlich kritisieren und sehr viel unerfreuliches Feedback erhalten.
Dieses Feedback als Erwachsener könnte zu einer Depression führen und damit dann im Laufe der Behandlung zum Therapievorschlag einer Psychotherapie.

Wenn immer wieder der Duft nach Vanille eine Datenbahn anregt, die "Angst, Verunsicherung und Ablehnung" zum wesentlichen Blickwinkel von Situationen macht, kann nun eine Psychotherapie mit den verschiedenen oben geschilderten unterschiedlichen Verfahren ermöglichen, andere Verbindungen innerhalb des Gehirns zu erschaffen und dann anschließend auch aktiv und bewusst einzuüben und zu benutzen.

Verhaltensweisen verändern
So könnten zum Beispiel Betroffener und Therapeut die Situation am Arbeitsplatz in einer Therapiestunde besprechen und in allen Facetten darstellen. Dabei könnte es sein, dass man nie darauf käme, dass der Duft nach Vanille eine ganze Kette negativer Gefühle ausgelöst habe, aber das wäre letztlich unerheblich, wenn es gelingen könnte, wahrzunehmen "irgendetwas ist mit mir passiert, dass ich auf einmal sehr schlechter Stimmung war und dann habe ich meine Kollegen beschimpft und dann wurde die Stimmung schlecht". Wenn Sie herausarbeiten würden, dass nicht die Kollegen selbst und deren Vorschläge bezüglich der Arbeit zu einem Problem geführt haben, sondern dass in Ihnen ein unangenehmes Gefühl entstanden wäre, wäre es möglich für die Zukunft und ähnliche Ereignisse oder Situationen Veränderungen möglich zu machen.
Wenn Sie realisieren lernen, dass "was auch immer" ein unangenehmes Gefühl auslöst und es nicht der Kollege direkt vor Ihnen ist, können Sie mit vollem Bewusstsein vielleicht den Bruchteil einer Sekunde innehalten, bevor Sie den Kollegen beschimpfen würden und damit den nachfolgenden Konflikt auslösten. Wenn Sie signalisieren, dass Sie einen kleinen Moment Zeit für eine Antwort benötigen, können Sie wenig später eine andere, in der Therapie neu geprägte, Datenbahn ihres Gehirns nutzen und nicht in das alte Verhaltensmuster verfallen.

Erfolgsmöglichkeiten der Psychotherapie
Wenn dann in diesem kleinen Beispiel am Arbeitsplatz diese Konflikte nicht mehr geführt würden, wäre die Stimmung, die Ihnen am Arbeitsplatz entgegen käme, erfreulich und produktiv und sie hätten fortan Rückhalt unter den Kollegen und kämen in guter Stimmung nach Hause. Damit würde sich auf lange Sicht die depressive Sichtweise Ihres Lebens verbessern und eine deutliche Steigerung der Lebensqualität eintreten.

Würde es also gelingen, über eine Psychotherapie mögliche Auslöser und krisenhafte Situationen als solche zu erkennen, hätten Sie die Möglichkeit, durch veränderte Verhaltensweisen eine deutliche Verbesserung von Erlebnissen und - damit eng verknüpft - Ihres Befindens herzustellen.

Begleitende Maßnahmen

Wenn Sie sich dazu entschließen, eine Psychotherapie zu beginnen, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass es allein mit regelmäßigen Sitzungen bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten nicht getan ist.
Vor Beginn einer Therapie müssen Sie sich beim Arzt gründlich durchchecken lassen, um körperliche Ursachen für die seelischen Probleme auszuschließen.
Während der Therapie können Sie durch Entspannungstechniken und / oder Sport einen wesentlichen Beitrag zu Ihrer Gesundung beitragen. Auch Haustiere können sich positiv auswirken. Sprechen Sie mit Ihrem Therapeuten darüber, welche Maßnahmen für Sie sinnvoll sind.
Es kann auch sein, dass Ihnen zusätzlich zur Therapie Medikamente, sogenannte Antidepressiva, verordnet werden. Diese werden teilweise auch zur Überbrückung gegeben, denn nicht immer ist es möglich, umgehend einen Therapieplatz zu finden.

Verhaltenstherapie für Senioren

Mit zunehmendem Erfolg werden vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen eingesetzt, um bei chronischen Schmerzen Linderung zu schaffen. Ängste, Depressionen, Zwänge und andere psychische Probleme können in jedem Lebensalter auftreten, zum Beispiel beim Thema "Wechseljahre", und es lohnt nahezu in jedem Lebensalter, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen und wahrzunehmen, wenn entsprechende Beschwerden bestehen.

Auch erst in den letzten Jahren ist zum Thema "Spätfolgen des 2. Weltkriegs" darüber gesprochen und geschrieben worden, dass eine ganze Generation von Kindern, deren Geburt von den Enddreißigern bis in die Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts reichte, direkt oder indirekt durch den Krieg traumatisiert wurde und dass sich in vielen Biografien die Spätfolgen und Beeinträchtigungen aus dieser Lebensphase finden. Auch viele Jahrzehnte nach Ende des Weltkrieges kann hier eine traumaorientierte Form der Psychotherapie noch hilfreich sein, um quälende Symptome wie Ängste, Schlafstörungen oder anderes zu lindern.

Wann ist eine Therapie sinnvoll?

MUSS denn nun jeder Mensch irgendwann eine Psychotherapie machen? Nein, beileibe nicht! Ein ganzer Zweig der Forschung beschäftigt sich mit der Frage, warum manche Menschen bei gleichem Erlebnis ein Trauma erleiden oder eine ungünstige Datenverknüpfung erstellen und andere nicht!
Die Fähigkeit, auch unter schwierigen Prägungen oder traumafördernden Umständen keine Beeinträchtigungen zu erleben, nennt man Resilienz.
Eine Psychotherapie bietet sich als Therapiemöglichkeit nur dann an, wenn der betroffene Mensch subjektiv einen deutlichen Leidensdruck und Einschränkungen hat. Wer vor Angst nicht mehr die Wohnung verlassen kann, obwohl er sich gerne draußen aufhalten würde, wer sich 150mal am Tag die Hände waschen muss, bis die Haut sich in Fetzen löst, wer vor Schmerzen trotz starker und stärkster Schmerzmedikamente keine deutliche Linderung erfährt, sollte sich nicht verschließen, wenn ihm eine Psychotherapie angeraten wird.

Therapie kein Zeichen von Schwäche!

Es ist kein Zeichen einer persönlichen Schwäche oder einer mangelnden geistigen Gesundheit, wenn Sie ausprobieren, ob Ihnen das Erkennen ungünstiger Datenverknüpfungen im Gehirn und das Erschaffen und Einüben neuer Datenbahnen ein höheres Wohlbefinden und ein Ende quälender psychischer oder körperlicher Symptome ermöglichen! Sie erhalten keine "Gehirnwäsche" oder "werden ein komplett anderer Mensch", wenn Sie sich helfen lassen, Ihren Alltag und Ihre Lebensqualität durch eine begrenzte Zeit mit einer Psychotherapie zu verbessern.
Ebenso wie Sie vielleicht mit Ihren chronischen Rückenschmerzen zum Rheumaschwimmen gehen oder Ihre tägliche Morgengymnastik machen oder wie Sie an der Volkshochschule einen Kurs für eine neue Sprache belegen, ist es völlig legitim, eine Spritzenbehandlung für das schmerzende Knie durch eine verhaltensmedizinische Behandlung der chronischen Schmerzen zu ergänzen, wenn Spritzen, Tabletten und Tropfen keine ausreichende Linderung bringen!

Unsere Gesundheitsexpertin

Unsere medizinischen Fachtexte werden von Anke Prczygodda verfasst.

Anke Prczygodda ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Kiel und hat sich speziell für den Bereich ambulante geriatrische Rehabilitation qualifiziert.
Unsere Texte stammen also aus der Feder einer ausgewiesenen Expertin für Altersheilkunde.

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